Siven RELINDISE

 

Hi,

ich studiere Medizin in Berlin. Gott hat die Menschen nicht nur körperlich gleich gemacht, sondern auch in ihrem innersten Wesen - mit all unseren guten und all unseren schlechten Seiten. In meinem Heimatland Kamerun gibt es eine kleine geschichte über den Kalao (Nashornvogel), die uns an unsere weniger guten Eigenschaften erinnern soll, wann immer wir diesen Vogel sehen.

Wer Geschichten liebt, mag vielleicht auch diese...

Stimme: Alti

 

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Weißer Kalao, schwarzer Kalao

Öffne deine Ohren. Die Geschichte beginnt.

In den ersten Zeiten der Schöpfung, es ist lange, sehr lange her, war der große Kalao ein ganz weißer Vogel. Ganz weiß. So weiß, dass die Menschen ihn kaum von den weißen Wolken am Himmel unterscheiden konnten. Eines Tages sagte er zu sich „Ich, Kalao, der am Himmel fliegt, beobachte die Menschen nun schon lange. Hier oben jedoch bin ich noch nie einem begegnet. Deshalb werde ich heute eine Fußwanderung mache, damit die Menschen mich kennen lernen und ich sie auch aus der Nähe studieren kann“. So machte er sich zu Fuß auf und blieb nach einer Weile am Wegesrand stehen. „Die Menschen nehmen häufig diesen Weg. Ich warte hier auf sie. Es werden schon welche vorbeikommen“, sagte er sich. Schon kurz darauf sah der Kalao einen Menschen kommen. Als dieser an ihm vorbei ging, rief der Kalao:

„Sei gegrüßt! Mensch mit verfaulter Zunge!“
Der Mensch erwiderte: „Sei gegrüßt, Kalao!“
Sonst geschah nichts.

Der Mensch ging weiter. Der Kalao war sehr mit sich zufrieden. Es war das erste mal, dass er zu einem Menschen sprach und der Mensch hat geantwortet! Einige Zeit später kamen zwei weitere Menschen vorbei und der Kalao rief ihnen zu:

„Seid gegrüßt! Menschen, Mörder und Meuchler eures Gleichen! Seid gegrüßt!“ Ob die beiden Menschen dies als Kompliment nahmen? Ich weiß es nicht. Jedenfalls antworteten sie wie mit einer Stimme: „Sei gegrüßt, Kalao!“
Sonst geschah nichts.

Die Menschen gingen weiter ihres Weges, so als ob nichts wäre. Der Kalao sagte zu sich selbst: „Diese Menschen, man hatte mir doch versichert, sie seien intelligent! Ich beschimpfe sie und sie scheinen nichts zu verstehen! Sie werden meine Worte doch nicht als Komplimente auffassen? Ha, ha, ha, wie sind sie dumm diese Menschen. Aber warten wir’s ab. Dort kommen drei weitere. Wir werden sehen, wie sich mein Begrüßung aufnehmen.“ Beim Kalao angekommen, rief dieser den drei Menschen zu:

„Seid gegrüßt! Heuchlerische und verleumderische Menschen!“

Die drei nahmen sich gerade mal die Zeit, um mit „Sei gegrüßt, Kalao!“ zu antworten. Sonst geschah nichts.

Die Menschen gingen weiter ihres Weges, so als ob nichts wäre. Der Kalao traute weder seinen Ohren noch seinen Augen. Aber warte, die Geschichte ist noch nicht zu Ende!

Nach einer Weile blieb der als erstes vorbeigekommene Mensch plötzlich stehen und überlegte: „Das war doch eine Beschimpfung, die der Kalao an mich richtete – 'Sei gegrüßt! Mensch mit verfaulter Zunge!' – Was das wohl heißen mag? Und was habe ich dem Kalao getan, dass er so zu mir spricht?“ Also machte er kehrt, um den Kalao zu fragen. Kurz darauf begegnet er den beiden Menschen, die zusammen gingen und denen der Kalao ebenfalls unverständliche Beschimpfungen zurief. Und schließlich trafen alle auf die anderen drei Menschen, die ebenfalls entschieden hatten, den Kalao nach dem Grund der ungehörigen Begrüßung zu fragen.

Der erste Mensch sagte: „Kalao, Du hast mich mit den Worten begrüßt 'Sei gegrüßt! Mensch mit verfaulter Zunge!' Kannst Du mir erklären, was das heißen soll, und vor allem weshalb Du mich derart beschimpfst?“ Der Kalao hatte keine Zeit zu antworten, denn die beiden folgenden Menschen schlossen sich sofort an mit den Worten: „Uns hast Du als Mörder und Meuchler unseres Gleichen bezeichnet! Kannst Du uns erklären, was das heißen soll, und vor allem wieso wir solch eine Behandlung verdient haben?“ Sofort fügten die drei anderen hinzu: „Ja, Kalao, auch uns hast Du sehr ungehörig begrüßt. Warum nennst Du uns Heuchler und Verleumder? Was haben wir dir getan, dass Du uns so behandelst?“

Unser Kalao saß nun ganz schön in der Klemme. Er hatte nicht damit gerechnet, derart von gleich sechs Menschen bedrängt zu werden. Innerlich hatte er schon bitter bereut, die Menschen mit seinen Beobachtungen konfrontiert zu haben. Es galt nun dringend eine Antwort für die erbosten Menschen zu finden. Überlege gut, Kalao! Der Kalao kratzte sich am Kopt wie jemand, der nach einer intelligenten Antwort sucht und sagte:

„Ah, ich sehe, dass meine Begrüßungen euch verärgert haben! Aber glaubt mir, ich hatte nicht die Absicht, euch in Wut zu bringen. Versucht meine Worte zu verstehen. Ich sagte 'verfaulte Zunge' weil dieser Mensch alleine ging und mit niemanden reden konnte. Und ihr wisst, wenn ein Mensch zu lange nicht spricht, sein Atem schlecht wird.“

Die sechs Menschen sahen sich an, ohne ein Wort zu sagen und der Kalao fuhr fort:

„Zu euch sagte ich Mörder und Meuchler eures Gleichen, weil ihr zu zweit seid. Ja, stellt euch vor ihr würdet plötzlich Streit bekommen und kein anderer wäre da, euch zu trennen. Sicherlich würde einer von euch den anderen erschlagen. Seid ihr nicht auch meiner Meinung?“

Die sechs Menschen betrachteten sich nochmals schweigend. Der Kalao sagte weiter:

„Ihr drei fragt, weshalb ich euch heuchlerisch und verleumderisch nannte? Ich werde es euch sagen. Ihr wisst wie es häufig abläuft: Drei Menschen sind zusammen und verhalten sich wie drei Freunde. Es genügt, dass nur einer von ihnen nicht dabei ist und schon fangen die beiden anderen an, schlecht über ihn zu reden. Ist das keine Heuchelei und Verleumdung?“

Während sie diesen Erklärungen zuhörten, sahen sich die sechs Menschen noch einen Moment stumm an. Dann sagte einer von ihnen: „Dieser Kalao ist sehr schlau, er spricht wie ein Mensch.“ Ein zweiter meinte: „Wie ein Mensch, wie ein sehr schlauer Mensch. Ich für meinen Teil denke, dass es sich um einen Menschen handelt, der sich in einem Kalao versteckt. Wir werden ihn rausprügeln!“ „Ja!“, stimmten die anderen ein. Als der Kalao dies hörte, wollte er fliehen. Doch schon wurde er an beiden Enden seiner Flügel gepackt, hin und her geschüttelt und in der Asche eines gerade erloschenen Buschfeuers gedreht und gewälzt bis er ganz schwarz war; außer an den beiden Flügelspitzen, wo die Menschen ihn festhielten. Seit diesem Tag sind alle Kalao schwarz, nur die Enden ihrer Flügel sind weiß geblieben.

(Erzählt nach einer alten Geschichte aus Kamerun.)

 

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